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Ziviler Ungehorsam, darf man das?

Was ist das eigentlich „Ziviler Ungehorsam“? Zivil bedeutet so viel wie bürgerlich und ungehorsam, nicht auf die geltenden Regeln zu hören. „Ziviler Ungehorsam“ kann man sich also in etwa so übersetzen: Bürger*innen halten sich bei ihrem Protest nicht an die geltenden Regeln. Im Prinzip wird dabei eine Form des Protests beschrieben, bei dem die demonstrierenden Bürger*innen gegen Gesetze und gesellschaftliche Normen verstoßen. Und genau das ist das Problem. In einer demokratischen Gesellschaft brauchen wir Protest, denn er ist eine Form der politischen Teilhabe und um unsere Meinungsfreiheit auszudrücken. Aber ist es in Ordnung dabei gegen Gesetzte zu verstoßen?

Grundsätzlich ist das Verstoßen gegen Gesetze natürlich nicht in Ordnung, dennoch wird in diesem Fall häufig darüber gestritten. Viele Theoretiker*innen glauben, dass dieser Protest Teil unserer Demokratie ist und gebraucht wird um Veränderungen zu erzielen. Sie sagen, dass nur mit Aktionen die wirklich viel Aufmerksamkeit erreichen Dinge verändert werden können. Die meisten Bewegungen wollen dabei gewaltlos auf etwas aufmerksam machen, das verändert werden soll. Um die gewünschte Aufmerksamkeit für ein Thema zu erhalten, verstoßen die Methoden der Demonstrant*innen dann aber eben häufig trotzdem gegen gesellschaftliche Normen und Gesetze. Zum Beispiel blockieren sie durch Sitzblockaden Straßenzüge oder Gebäude, verhindern die Arbeit von Maschinen indem sie sich an diese ketten, zahlen geforderte Steuern oder Mahnungen nicht oder schwänzen die Schule trotz Schulpflicht.

Es gibt viele Beispiele für zivilen Ungehorsam in der Geschichte Deutschlands. Sehr bekannt wurden die Aktionen der Atomkraftgegner*innen in den 1970er- und 1980er-Jahren. Sie besetzten zum Beispiel den Bauplatz für ein geplantes Atomkraftwerk regelmäßig, protestierten über Jahre dagegen und hatten am Ende Erfolg. Außerdem fanden gegen die atomare Raketennachrüstung zahlreiche Blockaden verschiedener Militärdepots statt und bis heute ketten sich Demonstrant*innen manchmal an Bahngleise um Widerstand gegen die Atommülltransporte in das Endlager in Gorleben zu leisten. Nach der Finanzkrise 2008 demonstrierten viele Menschen gegen die Banken und große Finanzunternehmen. Einige Aktivisten belagerten den Platz vor der Europäischen Zentralbank durch ein Zeltlager, bis die Polizei dieses räumte. Auch Großbauprojekte wie Stuttgart21 lösten Proteste aus, die die Formen einer üblichen Demonstration überschritten. So besetzten Gegner des Bauvorhabens über Monate den Stuttgarter Schlosspark.

Solche Aktionen kennt man auch aus dem Hambacher Forst, wo die Gruppe „Ende Gelände“ mit umstrittenen Methoden, unter anderem einem Dorf aus Baumhäusern, gegen die Abholzung des Waldes zu Gunsten des Braunkohleabbaus kämpft. „Was mir Hoffnung gibt, sind die Menschen, die auf verschiedene Weisen kämpfen, um den Wandel zu bringen, den wir brauchen“, sagt Greta Thunberg im August 2019 bei ihrem Besuch im Hambacher Forst. Die Klimaaktivistin ist in den letzten zwei Jahren zu einem Vorbild für viele junge und ältere Menschen geworden. Nachdem sie mit ihrem Schulstreik fürs Klima in Schweden begann, entwickelte sich eine Bewegung auf der ganzen Welt, die „fridays-for-future“-Bewegung. Diese besteht vor allem aus Schüler*innen, aber auch Student*innen, Eltern, Großelter, Forscher*innen und andere haben Unterstützer*innengruppen geformt. Die Demonstrant*innen setzen sich für mehr Umweltschutz ein und gehen dafür in den Klimastreik. Dabei begehen tausende Schülerinnen und Schüler regelmäßig freitags zivilen Ungehorsam, da sie ihre Schulpflicht verletzen. Sie wollen etwas verändern, sich für das Klima einsetzten und schwänzen dafür die Schule. Ob das in Ordnung ist, weil es für eine wichtige Sache passiert oder eben nicht, weil es ein Regelverstoß ist, darüber streiten sich Schüler*innen, Politiker*innen, Eltern, aber auch die Lehrer*innen.

Welche Methoden sind sinnvoll und welche eher nicht, um auf Ungerechtigkeiten oder andere Probleme aufmerksam zu machen?  Wie kann ein gewaltloser Protest aussehen? Welche Themen sind für die Gesellschaft so bedeutsam, dass sie viel Aufmerksamkeit benötigen, damit sich unser Umgang damit verändert?

Diese Fragen stellen sich nicht nur die Demonstrant*innen sondern auch die Künstlerin Andrea Bowers. Sie wurde 1965 in den USA geboren und lebt noch heute dort in Los Angeles. Für sie ist es sehr wichtig ihre künstlerische Arbeit mit politischem Engagement zu verbinden. Die Themen politischer Aktivismus, Feminismus, Klimaschutz sowie Krieg und Frieden greift sie dabei häufig auf. In ihrer Kunst beschäftigt sie sich deshalb auch mit dem Thema  „Ziviler Ungehorsam“. Sie fragt sich dabei, wie der gewaltlose Protest aussehen kann und wofür er nötig ist. Antworten darauf sucht sie auch in der Geschichte und nimmt Ideen daraus in ihren Kunstwerken mit auf.

Seit dem 15. März 2020 zeigt das Museum Abteiberg eine große Ausstellung unter dem Titel „GRIEF AND HOPE“ mit Kunstwerken von Andrea Bowers. Zwar muss auch das Museum aufgrund der aktuellen Vorsichtsmaßnahmen wegen des Corona-Virusses geschlossen bleiben. Damit ihr die Ausstellung aber trotzdem sehen könnt, wurde ein digitales Angebot geschaffen. Mit virtuellem Rundgang, Diaschau und mehr. Das alles findet ihr hier. Wenn ihr euch für das Thema Protest interessiert und ihr neugierig seid, wie das Thema in den Kunstwerken von Andrea Bowers aussieht, dann schaut doch mal rein. Viel Spaß!

Bildquelle Beitragsbild: “Ausstellungsansicht Museum Abteiberg “, Foto: Achim Kukulies

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